Dienstag, 31. Juli 2012

Das „locker geschnittene Modell“. Oder: Dämliche Stylingtipps Teil II

Neulich, beim Tierarzt. Mocca liest die Aprilausgabe der InStyle.

(Jaaa, richtig gelesen. Aprilausgabe. Die schien mir noch unterhaltsamer als das Kundenmagazin von 'Fressnapf' oder die Infobroschüre zur "behutsamen Katzenentwurmung", öhem...)

Blumenhosen, Pastell, Mustermix waren wohl im April die neuen Themen. Sehr schön.

Und dann das! Die von mir sonst durchaus geschätzte InStyle entlarvt sich in Sachen 'Busen' als Greenhorn.

Ich muss schlucken, als ich folgendes lese:

1. Streich

Ein an sich wirklich gut gemachter Beitrag auf Seite 59: Wie stylt man blaue Hemdblusen? Abendlich mit schwarzen Röcken, weiß die InStyle und mir gefällt die Kombi! Ich scanne wohlwollend die einzelnen Stylingvorschläge mit schwarzen (Pencil)Röcken, mal mit, mal ohne Glitzer. Bis ich dieses Interview mit Frau Esser, Zentraleinkäuferin bei Peek & Cloppenburg lese. Ich zitiere:

Ihr Tipp für Frauen mit großer Oberweite?
Ein locker geschnittenes Modell oder eine Nummer größer kaufen, damit die Knöpfe nicht spannen.

Wahnsinnig kreativer Tipp…  Liebe Frau Esser, haben Sie schon mal eine Frau mit großer Oberweite gesehen, die eine locker geschnittene, möglichst noch völlig untaillierte Bluse trägt, und das dann noch in zwei Nummern größer, damit sie überhaupt zugeht? Offensichtlich nicht, denn sonst wären Sie auf so eine Idee nicht gekommen. Eine Frau mit großer Oberweite sieht darin aus wie ein wandelndes Zelt!
Okay, denke ich, Frau Esser muss natürlich für ihren Arbeitgeber sprechen, und der hat bekanntlich (noch) keine busenfreundliche Mode im Sortiment, und deshalb auch keine echten Antworten parat.

Bemerkenswert aber von der InStyle-Redaktion, diese kleine, fiese Frage trotzdem zu stellen, oder?










 

2. Streich

Ein paar Seiten weiter stolpere ich dann wieder über das gleiche Thema. Die InStyle stellt acht verschiedene schwarze Kleider vor, die einen trotz Figurproblemen gut aussehen lassen. Und in einem Atemzug mit den Todsünden „Eiscreme-Bäuchlein“ und „feste Schenkel“ wird das Grauen jeder Figur genannt „Cupgröße Doppel-D?“. (Aaaaaaah, der Horror! Doppel-D! Dass es überhaupt Frauen gibt, die sich damit aus dem Haus trauen! )

Gottseidank hat die InStyle auch hierfür einen Tipp parat, der lautet „Ein Kleid mit tiefem V-Ausschnitt bringt ein schönes Dekolleté ideal zu Geltung.“ Ist jetzt persönlich nicht ganz so mein Fall, auch noch mit einem (richtig) tiefen Ausschnitt auf meinen Busen hinzuweisen, aber falsch ist der Tipp sicher nicht und ein V-Ausschnitt an sich nicht schlecht.




Aber jetzt haltet euch fest und schaut euch das Bild dazu an. Ich habe die betreffende Stelle extra mal markiert. Denn sonst würde man den Busen wohl nicht finden!!!
Klar ist es billiger, für eine Fotostrecke nur ein Model (mit Modelmaßen) zu buchen, aber wäre es nicht schön gewesen, wenn man tatsächlich Frauen mit unterschiedlichen Figuren gesehen hätte?
Zum Heulen? Zum Weiterblättern!!!

 

3. Streich

Ein paar Seiten weiter dann der erste Lichtblick. Ich zitiere wieder:

Vorurteil: Überflüssige Pfunde kaschiert man am besten, indem man ein Zelt trägt. Falsch! Je weiter die Kleidung, desto voluminöser wirkt Ihre gesamte Erscheinung. Besser: Kurven sanft überspielen, leichte Taillierungen tragen.

Na also, geht doch! Da hat jemand nachgedacht. Ich würde meine Oberweite jetzt nicht direkt als „überflüssige Pfunde“ bezeichnen, aber der Tipp bezieht sich ja auch nicht nur auf die Oberweite.








4. Streich




Am Ende ist es aber ein Mann, der mir aus der Seele spricht, der deutsche Modemacher Steffen Schraut. Dass die Bildredaktion nicht genau gelesen hat, was er gesagt hat, ist ja nicht seine Schuld J (oder wie erklärt ihr euch den Stylingvorschlag daneben?). Danke, Steffen Schraut!

„Frauen mit weiblichen Rundungen empfehle ich leichte, fließende Materialien, die den Körper umschmeicheln, und raffinierte Drucke. Kurven sollten nicht negiert, sondern selbstbewusst gezeigt werden.
Kaufen: V-Ausschnitte sind bei großem Busen vorteilhaft, nichts Hochgeschlossenes tragen. Regel: wenn oben weit, dann unten eng! Bleistiftröcke mit Stretchanteil modellieren eine sexy Figur.
Vermeiden: Weite Kleidung macht nicht schlank, sondern trägt auf. Besser: gerade oder taillierte Schnitte wählen.
Und die Moral von der Geschicht? Dämliche Stylingtipps ignorieren und stattdessen zu Figur umschmeichelnden, schmalen, taillierten Teilen greifen! Kurven modellieren, statt verhüllen!
Und um meinen Frieden mit der InStyle wieder zu finden: Ich bin nach Beendigung meiner Lektüre nachhaltig beeindruckt, dass die InStyle das Thema „Gut gestylt mit großer Oberweite“ entdeckt hat, und wir Kurvenfrauen aus der Freak-Ecke geholt werden! Vielleicht der Anfang einer großen Liebe? Wir dürfen gespannt sein…
Freue mich - wie immer - auf eure Meinungen!
Liebe Grüße von
Mocca

Quelle

Alle Bilder: InStyle Ausgabe April 2012